Wo Arbeit Herzenssache ist

1983 begann Peter Gregorius als Jugend- und Heimerzieher im Hoffmannhaus in Korntal

Die Jugendhilfe hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Einer, der diesen Wandel miterlebt und mitgestaltet hat, ist Peter Gregorius. Im Sommer 2021 geht der erfahrene Pädagoge in den Ruhestand – ein guter Zeitpunkt, um auf ein bewegtes Arbeitsleben zurückzuschauen und auf das, was bleibt.

„Zu Beginn meiner Tätigkeit gab es deutschlandweit fast ausschließlich stationäre Gruppen“, berichtet er mit Blick auf die Entwicklung der Jugendhilfelandschaft.

Das pädagogische Konzept der Beheimatung beinhaltete damals eine vernetzte Lebensgemeinschaft zwischen Kindern und Mitarbeitern: Potenzielle Betreuer mussten bereit sein, auf dem Heimgelände zu wohnen, die Kinder waren meist langfristig im Kinderheim untergebracht – manche bis zu 20 Jahre.

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Die rechtliche Grundlage hierzu bildete das damalige Jugendwohlfahrtsgesetz, das die soziopolitische Einstellung in Politik und Gesellschaft widerspiegelte. Die stationären Gruppen in Korntal wurden in der Regel von 1-2 alleinstehenden Frauen, sogenannten Tanten, geführt, die in dieser Arbeit oft ihren Lebensmittelpunkt sahen.

 

"Sind wir in der Beziehung authentisch, geht es Kindern wie Pädagogen gut.“

 

Voller Einsatz für die Kids

Peter Gregorius setzte sich mit der Verhaltensoriginalität seiner betreuten Kinder von Anfang an auseinander. Um deren Energie in gute Bahnen zu lenken, gründete er verschiedene AGs: für Fußball, Spiele, Tischtennis. „Für größere Freizeitaktivitäten an Wochenenden oder in den Ferien fehlte leider das Geld“, erzählt er, „daher begann ich zu töpfern.“ Das ließ er sich von einem Profi zeigen, kaufte eine Drehscheibe und legte los. Gemeinsam mit interessierten Jugendlichen produzierte er so jede Menge Teller, Schüsseln und Krüge.

Die damals beliebten Töpferwaren fanden den erhofften Absatz auf Märkten und spülten ausreichend Finanzen in die Gruppenkasse. Nun konnten die Jugendlichen immer wieder mal etwas Besonderes erleben, wie z.B. gemeinsames Skifahren in Vorarlberg.

 

Wege in die Selbstständigkeit

1987 initiierte Peter Gregorius eine Außenwohngruppe (AWG) – ein neues Jugendhilfeangebot, das es bis dahin in Korntal nicht gab. „Es war mir ein Herzensanliegen, ältere Jugendliche durch ein Leben außerhalb des Heimgeländes an die Selbstständigkeit heranzuführen“, resümiert er. Um in der Nähe seiner Jugendlichen zu bleiben, zog Peter Gregorius einige Zeit später mit seiner Frau und ihren drei Kindern ebenfalls in die Hoffmannstraße in das Haus der Gruppe. Viele Jahre bot dieses offene, familiäre Lebenskonzept jungen Menschen die Chance, ein alternatives Familienmodell hautnah mitzuerleben.

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Schon bald wurde das Konzept der AWG um das Betreute Jugendwohnen erweitert. Als Übergang in die Selbstständigkeit zogen ältere Jugendliche in angemietete Wohnungen in der näheren Umgebung, regelmäßig betreut durch Mitarbeitende der Jugendhilfe. Auch eine erste inoffizielle Mutter-Kind-Gruppe wurde in der Hoffmannstraße eingerichtet.

In einem weiteren Schritt entstand das Übergangswohnen. Unter einem gemeinsamen Dach mit den Betreuern, aber räumlich getrennt in ihrer eigenen Wohnung, konnten Jugendliche in einer Wohngemeinschaft eigene Schritte in Richtung Selbstständigkeit gehen.

Entwicklung der „modernen“ Jugendhilfe

Ein einschneidender Paradigmenwechsel Anfang der 1990er Jahre veränderte das Gesicht der Jugendhilfe grundlegend. Ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz führte zur modernen Jugendhilfe, wie man sie heute kennt. „Diese Neuorientierung war eine echte Herausforderung für die Mitarbeiter. Sie mussten an vielen Stellen umdenken und neue Methoden einsetzen“, so Peter Gregorius.

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Beide Fähigkeiten eignete er sich mit umfangreichen Weiterbildungen berufsbegleitend an und arbeitete parallel schwerpunktmäßig im Betreuten Jugendwohnen. 2005 wechselte er auf die Fachberatungsstelle im Hoffmannhaus. Zu seinen Aufgaben gehörten nun die Beratung von Mitarbeitenden, Kindern und Eltern, z.B. in der Eingangsphase oder bei auftretenden Schwierigkeiten, sowie die Einzelförderung der Kinder zur Stärkung ihrer sozialen und emotionalen Kompetenz.

 

„Das Wichtigste bleibt die Beziehung.“

Pädagoge zu sein, ist für Peter Gregorius eine spannende und verantwortliche Tätigkeit, die ihn bis zum heutigen Tag ausfüllt. Sein Fazit nach all den Jahrzehnten: „Das Wichtigste ist und bleibt die Beziehungsarbeit. Hier muss jeder einen eigenen Weg finden in der Balance zwischen professioneller Nähe und Distanz. Und ebenso wichtig dabei ist, immer authentisch zu bleiben. Dann geht es sowohl den Kindern wie uns als Pädagogen gut.“

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